Die Praxis ist schneller als der Diskurs

Zum 25. Todestag von Michel Foucault mache ich mir Gedanken zur aktuellen Debatte über In-Vitro-Fertilisation und Stammzellenforschung mit Hilfe von grundlegenden Thesen von Foucault zu Biopolitik, Gouvernementalität und den Weiterführungen von Giorgio Agamben.

Der Diskurs über Bioethik hinsichtlich wissenschaftlicher und medizinischer Gentechnologien zeigt uns das Schauspiel von Politik und Recht über deren begrenzten gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Nur als öffentliche Debatte und zeitverzögert zeigen sie Wirkung aber nur wenig für deren Umwelt. Die Praxis ist wie immer schneller als der Diskurs. Auf der einen Seite gibt es den nicht weg diskutierbaren Kinderwunsch von tausenden von Paaren, auf der anderen Seite die wissenschaftliche Grundlagenforschung und die daraus folgenden Technologien. Ersteres kann die Politik und deren Praxis das Recht nicht verbieten. Zweiteres kann sie zwar national einschränken, jedoch in einer Weltgesellschaft nicht kontrollieren. Hinzu kommt dann, dass sich eine Wissensgesellschaft sich sich ökonomisch nicht leisten kann in nachgefragten Technologien nicht zu investieren.

Die historische Betrachtung Foucaults zur Gouvernementalisierung des Staates führte in einer differenzierten Gesellschaft zu einer kommunikativen Fortsetzung. Natürlich haben politische Exekutiven immer noch die Möglichkeit “als Hauptzielscheibe die Bevölkerung” (Foucault 2005: Analytik der Macht
, S. 171″ in Anspruch zu nehmen.  Der Bürger als Subjekt ist das Objekt des politischen Handelns. Das Leben des Bürgers ist ein zentraler Kontrollmechanismus, den die Politik sich nicht aus der Hand nehmen lassen möchte. Drastisch und überaus deutlich zeigt dies Agamben im Leben des homo sacer “der getötet werden kann, aber nicht geopfert werden darf” (Agamben 2002: Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben, S. 18).

Die Politik muss sich selbst authorisieren, damit sie als Souverän töten darf. Wenn überflüssige oder Viren verseuchte Embryonen geopfert werden, hat die Politik nur so lange ein Problem damit, solange sie darüber nicht souverän entschieden hat. “Die Würde des Menschen ist unantastbar” aber auch interpretierbar. Es gibt keine außergesellschaftliche Instanz, die uns das sagen kann. Die Politik kann nur definieren und Ethik Kommissionen folgen, die sehr sehr langsam nichts entscheiden können. Genau hier können wir dann wieder von Foucault lernen, indem wir uns den Diskurs ansehen. Weniger können wir aber von Foucault lernen, wenn wir ihn, die Machtverhältnisse anprangernd, zu ernst nehmen.

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Luhmann auf YouTube

Die Meister der Soziologie muss man natürlich im Original inhalieren, aber es ist doch eine große Freude für uns Spätgeborene, Niklas Luhmann zu zuhören, wie er Systemtheorie erklärt. Außerdem hat sich doch jeder Soziologiestudent schon mal gefragt, wie wohl der Zettelkasten von Luhmann aussah.

Sicher wurden diese alten Aufnahmen von Luhmann auf YouTube schon mal an einer anderen Stelle erwähnt. Dennoch möchte ich euch die Videos nicht vorenthalten. Die Brillen sind wirklich großartig:

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Sozialer Reichtum in der Krise?

Sozialer Reichtum war dieses Jahr das Leitthema am 14. Trendtag. Dass gerade in diesen Zeiten auf einem Kongress über Trendforschung über Sozialen Reichtum debattiert wird, ist kein Zufall. Haben wir uns jetzt in der Krise auf einmal alle wieder lieb?

Die Krise ist omnipräsent. Jeder Trend steht unter dem Generalverdacht, er sei eine Reaktion auf die Krise. Persönliche Beziehungen sind auf einmal wichtiger als die Karriere, Facebook und Twitter haben in Europa 2009 den endgültigen Durchbruch geschafft, die Popband Silbermond singt “gib mir ein kleines bisschen Sicherheit” und Kollaboration steht weit oben in der Rangliste der meistbenutzten Fremdwörter.

Sind wir wirklich sozialer geworden, seit uns ein wenig Geld abhanden gekommen ist? Oder schauen wir jetzt nur genauer hin, weil wir wieder mehr Zeit haben und nicht pausenlos auf die Aktienkurse schauen müssen. Viele sprechen ja von der Reinigung durch die Krise und vielen neuen Entwicklungen, die dadurch nun möglich sind. Evtl. verändert sich aber nicht die Gesellschaft in der wir leben sondern einfach nur Beobachtungsstandpunkt.

Vor der Krise war von sozialer Verfremdung durch Online Communities die Rede, heute rettet Twitter die revolutionäre Bewegung im Iran. Noch vor einem halben Jahr war man im Job sich selbst der nächste und eine durchgeplanter Lebenslauf verhalf einem zu höheren Sphären, jetzt ist Vertrauen in den Arbeitgeber und Vertrauen in die Gesellschaft in aller Munde.

Gesellschaftlicher Wandel geschieht nicht durch das Platzen von diversen Krediten, sondern durch die Evolution von systemischen Logiken. Natürlich verändern Soziale Medien wie Facebook und Twitter die Kommunikationslandschaft. Vor allem wandelt sich die Aufgabe der Massenmedien. Wissen ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Nur sehr wenige kommunikative Formen können die alleinige Wahrheit in Anspruch nehmen. Die sichtbare Kommunikation der Massen in Twitter ist einfach schneller und relativiert jede Nachrichtenmeldung. Sozialer Reichtum heißt vor allem Zugang. Zugang zu Kommunikation und Zugang zu Interaktionen. Wir genießen es, ungezwungen an Dialogen teilnehmen zu können ohne uns gänzlich preisgeben zu müssen, weil es höchst anschlussfähig ist. Das Sender-Empfänger-Prinzip wird faktisch auf den Kopf gestellt und es wird nun deutlich, dass Kommunikation vor allem durch den Empfänger bestimmt wird. Wer hat sich nicht schon dabei ertappt, wenn er bei der Aktualisierung seiner  Statusmeldung auf Facebook nur ein autobiographische Geschichte erzählt. Der Status ist eben höchst kontingent und hätte auch anders ausfallen können.

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